Therapiemöglichkeiten

Aufmerksamkeits-Interaktionstherapie (Hartmann)
Die Aufmerksamkeits-Interaktionstherapie ist ein Therapieverfahren zur Beziehungsförderung, das von Dr. Hellmut Hartmann,
Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie u. -psychotherapie in Potsdam, entwickelt wurde. Ziel ist es, eine Verbesserung der Fähigkeit zur Kommunikation bzw. allgemeiner des Austauschs mit der Umwelt zu erreichen. Die wichtigsten Prinzipien sind nach Hartmann (2003) das Raumgeben für die aktuellen Impulse, Motivationen, Handlungen und Ausdrucksweisen der autistischen Kinder und das Anknüpfen daran. Wechselseitige Interaktion, Zunahme des Spontanverhaltens des Kindes und Zunahme der Differenziertheit dieses Verhaltens sind übergeordnete Ziele.

Sensorische Integrationstherapie (Ayres)

Sensorische Integration ist die Aufnahme von Sinnesinformationen, ihre Weiterleitung im Nervensystem und ihre Deutung im Gehirn zum Handlungsgebrauch. Dieser Wachstumsvorgang beginnt lange vor der Geburt, ist im frühen Kindesalter besonders rasch, setzt sich aber lebenslang fort. Er ist die Grundlage von Bewegung, Sprache und Lernen und der Schlüssel zu sinnvoller Handlung. Dieser Prozess der sensorischen Integration kann gestört sein. Das äußert sich sehr verschieden und zeigt dann die unterschiedlichsten Probleme.
Folgende Anzeichen können ein Hinweis auf Sensorische lntegrationsstörungen sein:

Entwicklungsverzögerungen
Entwicklungsdiskrepanzen
Verzögerte Sprachentwicklung
Aufmerksamkeitsdefizite
Handlungsungeschicklichkeiten
Lernprobleme
Hyperaktivität
Psychosomatische Probleme
Kommunikationsprobleme


Bei der Sensorischen Integrationstherapie handelt es sich nicht um ein spezielles, auf Autismus konzentriertes Konzept. Jean Ayres entwickelte ihr Konzept für alle Kinder mit Lernschwierigkeiten. Trotzdem gehört die Sensorische Integration zu den beliebtesten und meistangewandten Autismustherapien in Deutschland und Amerika (ein Viertel aller amerikanischen Autismustherapieprogramme enthalten Sensorische Integration).
Es wird davon ausgegangen, dass Autismus zum Teil Folge einer gestörten Wahrnehmungsverarbeitung ist. Oft werden einige Sinneseindrücke (wie Druck- und Geschmacksempfindungen) zu schwach verarbeitet, andere Reizeinwirkungen (wie Berührungs- und Hörempfindung) können auf Überempfindlichkeit und Abwehr treffen. Außerdem erreichen Reizeindrücke, die über das Gleichgewichtsorgan, über Haut, Muskeln oder Gelenke aufgenommen werden oft nicht das Bewußtsein.
Therapeutische Hilfestellungen für eine bewußtere Aufnahme von mehr Sinneseindrücken können sinnliche Wahrnehmungsverarbeitung, Apassungsreaktionen und Verhalten verbessern.

Sensorische Integration konzentriert sich hauptsächlich auf die Verbesserung und Festigung der Verarbeitung in den Grundwahrnehmungsbereichen (Gleichgewichts-, taktile und Tiefenwahrnehmung).
Später erscheint die Festigung der höheren Bereiche (Sehen, Hören, Schmecken und Riechen) sinnvoll.
Bei der Tiefenwahrnehmung werden zunächst Muskeln, Gelenke und Sehnen durch kräftige Stimulierung (z.B. Massagen, Drücken, Klopfen, Trampolinspringen) angeregt. Wenn dies über längere Zeit angewandt wurde, kann die Berührungstoleranz durch Kontakt zu unterschiedlichen Oberflächen wie Stoff, Plüsch oder Watte und durch Bürsten langsam gesteigert werden.
Im vestibulären Bereich sollen die Klienten lernen, mit Gleichgewichtsreizen umzugehen. Sie werden geschaukelt, gedreht oder sollen balancieren.
Das Prinzip der Sensorischen Integrationstherapie besteht darin, die Reizanforderungen langsam und behutsam so zu steigern, dass sie gerade noch als angenehm empfunden werden.

 Differentielle Beziehungstherapie (Janetzke)

Die Differentielle Beziehungstherapie, entwickelt von dem Hamburger Psychologen Hartmut R. P. Janetzke, stellt einen ganzheitlichen Behandlungsansatz dar. Der Beziehungsaufbau im therapeutischen Geschehen steht dabei im Vordergrund.

 Grundannahme ist, dass auch Menschen mit Autismus das Bedürfnis nach Kontakt haben. Sie sind jedoch durch die herkömmlichen Kontaktangebote der Umwelt überfordert. Der Therapeut stellt sich zunächst als berechenbares und in seinem Handeln eindeutiges "Objekt" zur Verfügung. Auf dieser Basis entsteht eine vertrauensvolle therapeutische Beziehung. Der Therapeut greift die Aktivitäten des Klienten auf und erweitert diese schrittweise durch neue Handlungselemente. Der Klient lernt dabei, dass ihm soziale Beziehungen nützlich sind. Selbständigkeit und Anpassungsbereitschaft werden gefördert.

Nach Janetzke wurden mit dieser Methode bei Kindern recht gute Erfahrungen gemacht, die Erfolgsaussichten für Jugendliche und Erwachsene sind eher gering.

Verhaltenstherapie

Die Verhaltenstherapie ist in der Autismustherapie die am besten wissenschaftlich abgesicherte Therapieform. Ziel ist es, einerseits störende und unangemessene Verhaltensweisen wie übermäßige Stereotypien oder (auto)aggressives Verhalten abzubauen und andererseits soziale und kommunikative Fähigkeiten aufzubauen.

Im Prinzip wird dabei so vorgegangen, dass erwünschtes Verhalten durchgängig und erkennbar belohnt wird (positive Verstärkung). Verhaltenstherapien können entweder ganzheitlich oder auf einzelne Symptome ausgerichtet sein. Der Transfer des Erlernten in den Alltag erfordert die kontinuierliche Unterstützung des Klienten beim Ausbau seiner Fähigkeiten. Dazu gehören die Förderung der Selbständigkeit, der Sprache, der intellektuellen und schulischen Fähigkeiten, des emotionalen Ausdrucks und des Sozialverhaltens.

 TEACCH-Programme (Schopler)

Das TEACCH- Programm stellt ein umfassendes Programm therapeutischer Interventionen für Menschen mit Autismus jeder Altersstufe und jedes Entwicklungsstandes dar.
Der Name TEACCH steht für „Treatment and Education of Autistic and related Communication handicapped Children” (Behandlungs- und Bildungskonzept für autistische und in ähnlicher Weise kommunikations-beeinträchtigte Kinder – vereinfacht: mit autistischer Wahrnehmung leben lernen, sich in der nichtautistischen Welt zurechtfinden).

Das Ziel ist das Erlernen funktionaler Verhaltensweisen, die eine Entwicklung von selbständigen Handlungskompetenzen ermöglichen und somit der Lebensqualität für Menschen mit Autismus maximieren.

Die Methodik basiert auf entwicklungspsychologischen und kognitivverhaltens-therapeutischen Konzepten und bezieht sich auf die individuelle visuelle Strukturierung des (Lern-) Umfeldes auf unterschiedlichen Ebenen. Klare Strukturierung vermittelt dem Menschen mit Autismus eine Orientierung in Zeit und Raum und hilft Zusammenhänge von Arbeitsaufgaben und Abläufen zu durchschauen sowie das eigene und fremde Verhalten besser zu verstehen. Strukturierung und Visualisierung können in vieler Hinsicht Schwierigkeiten auffangen oder auch Problemen vorbeugen.

Praktische Beispiele für mögliche Strukturierungen (nach Häußler, 2005):

Physische Organisation der Umwelt: Raumaufteilung; visuelle Markierung einzelner Bereiche; Reizabschirmung

Zeitplanung: Visualisierung der Abfolge von Aktivitäten; wer oder was erwartet mich wann?

Arbeitsorganisation: Systeme die anzeigen: was ist zu tun? In welcher Reihenfolge? Wie lange?

Routinen: links nach rechts; oben nach unten; Fertiges in den Korb; erst Arbeit — dann Freizeit

Instruktionen: schriftliche Anweisungen; Schablonen und Vorlagen; Bildsequenzen; markierte Unterlagen

Darbietung des Materials: Organisation in Behältern; abgezählte Teile; visuelle Strukturierung der Arbeitsfläche

Wesentlich ist, dass in jedem Fall bedacht werden sollte:

Weiß der Betreffende, wo sich die Dinge befinden bzw. wo er sich selbst befindet oder aufhalten soll?

Ist ihm klar, was auf ihn zukommt und wann etwas passiert?

 Weiß er, welche Aufgaben er tun soll und in welcher Reihenfolge?

Besteht Klarheit darüber, wie mit dem Material umzugehen ist und wie die Aufgabe erledigt werden soll?

Hat der Betreffende eine Strategie, mit bestimmten wiederkehrenden (problematischen) Situationen umzugehen, wie z.B. dem Beenden einer Tätigkeit, dem systematischen Beginn einer Aktivität oder der selbständigen Nutzung von Hilfen?

Wo diese Fragen mit "nein" beantwortet werden, gilt es zu überlegen, wie man die Unklarheiten beseitigen kann. Hier werden dann Strukturierungshilfen eingesetzt, die Situation zu klären und zum Verstehen und Handeln beizutragen.

Ergotherapie

Die Ergotherapie wird bei Menschen mit motorisch-funktionellen, sensomotorisch-perzeptiven, neuropsychologischen, neurophysiologischen oder psychosozialen Störungen eingesetzt.
Die ergotherapeutische Behandlung umfasst handwerkliche, gestalterische sowie spielerische Übungen. Einen elementaren Bereich stellt das Üben von Tätigkeiten (Activities of daily living) dar. Durch Verbesserung, Wiederherstellung oder Kompensation der beeinträchtigten Fähigkeiten soll dem Klienten eine möglichst große Selbstständigkeit und Handlungsfreiheit im Alltag ermöglicht werden, beispielsweise durch:

Förderung der Wahrnehmung

 Sensorische Integration= Umsetzung und Verarbeitung von Sinneswahrnehmungen

Verbesserung der Körperwahrnehmung und des Körperbewusstseins

Entwicklung der Fähigkeiten mit anderen Menschen zurecht zu kommen, unter anderem in den Bereichen der Gefühlssteuerung, der Motivation oder der Verständigungsfähigkeit

Verbesserung der Bewegungsabläufe, Anpassung der Muskelspannung und der Geschicklichkeit

Entwicklung und Verbesserung von geistigen Fähigkeiten wie Ausdauer und Konzentration

Integration des Kindes in Familie und Umwelt

Behandelt wird unter anderem nach den Behandlungskonzepten von Ayres, Bobath, Affolter, Frostig, u. a. Grundsätzlich sollen alle in der Behandlung angebotenen Aktivitäten für das Kind in einem sinnvollen Handlungszusammenhang stehen.
Der tatsächliche Entwicklungsstand des Kindes/Jugendlichen ist die Grundlage aller Maßnahmen. Dafür müssen die geistigen, seelischen und körperlichen Fähigkeiten und Einschränkungen des Kindes erfasst werden.
Die Beratung der Eltern und die intensive Zusammenarbeit mit ihnen, sowie der Austausch mit anderen Personen, die das Kind betreuen (sofern von den Eltern genehmigt) sind wichtiger Bestandteil der Behandlung.

 Musiktherapie

Die Musiktherapie wird mit dem Ziel angewandt, seelische, körperliche und geistige Gesundheit wiederherzustellen, zu erhalten und zu fördern. Als praxisorientierte Wissenschaftsdisziplin steht die Musiktherapie in enger Verbindung zu z.B. der Psychologie, Pädagogik, Musikwissenschaft und Medizin. Musiktherapie basiert meist gleichberechtigt auf Ansätzen aus Tiefenpsychologie, Verhaltenstherapie, systemischer Therapie, Gestalttherapie und anderen sprachunterstützende und sprachersetzende Therapien

Die möglichen Therapieverfahren zur Behandlung von Autismus nehmen immer weiter zu und sind besonders für Eltern schwer zu bewerten. Von Seiten der AMERICAN AUTISM SOCIETY wurde daher ein 7-Punkte-Plan erstellt, der für Eltern und Fachleute eine Orientierungshilfe bieten soll.

Die „Grundsätze zur Bewertung neuer Therapien“ lauten wie folgt:

1. Jeder neuen Therapie sollte man mit hoffnungsvoller Skepsis begegnen.

2. Besondere Skepsis ist angebracht, wenn eine Methode beansprucht, bei jeder Form von Autismus oder bei jedem Betroffenen zu wirken.

3. Vorsicht mit allen Methoden, die die Individualität missachten und dem Betroffenen schaden können.

4. Immer daran denken, dass jede Methode nur eine von mehreren Möglichkeiten darstellt.

5. Jeder Behandlung kann nur nach einer individuellen Untersuchung eingesetzt werden, die ihre Angemessenheit prüfen soll.

6. Über neue Therapiemethoden wird oft recht oberflächlich diskutiert: Vorsicht, wenn die Debatte auf die moralische Ebene gerät.

7. Neue Behandlungsmethoden müssen wissenschaftlich evaluiert sein.

(Quelle: Remschmidt, 1998)

 

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