Acht hilfestufen

 

Hilfeprogramm für das autistische Kind

 Hamblin und andere (1971) stellten ein Programm auf, das aus acht aufeinander aufbauenden Stufen besteht, mit einfachen Übungen beginnt und bei komplexeren Verhaltensweisen des Lernens in der Gruppe endet. Das Programm enthält Teile des Sprachtrainingsprogramms von Lovaas (1966) und ist besonders durch seine systematische Aufeinanderfolge der Lernschritte wertvoll, aber auch deshalb, weil die Eltern mitbeteiligt werden

 

1. Stufe: Blickkontakt

Der Blickkontakt fehlt bei fast allen autistischen Kindern. Da aber gerade der Blickkontakt allen sozialen Interaktionen vorausgeht, ist er conditio sine qua non für soziales Lernen. Deshalb sollen die Kinder nach diesem Programm zuerst lernen, den Menschen in die Augen zu sehen. Täglich bringt die Mutter das Kind ins Labor (Untersuchungsraum). „Kleine Stückchen des üblichen Lunchs werden als Belohnung verwendet.“Der Lehrer sitzt dem Kind gegenüber, und wenn dieses
ihn ansieht, belohnt er es durch Lob und Streicheln und gibt ihm etwas zu essen.Wenn es nicht von selbst zum Lehrer schaut, versucht dieser den Blickkontakt zu erzwingen durch kleine Tricks (Bewegungen, Aufforderungen).Die Belohnung – auch bei „ganz flüchtig vorbeihuschendem Blick“ – erfolgt unmittelbar danach. Wenn das Kind wegläuft, wird es daran nicht gehindert, erhält die Belohnung aber nur, wenn es am Tisch sitzt und den Lehrer ansieht. Es wird nicht aufgefordert, sich zu setzen, sondern nur ignoriert, da sich zeigte, dass solche Aufforderungen das Aufstehen und Umherlaufen sogar verstärken. In den nachfolgenden Stufen wird der Blickkontakt vorausgesetzt als Beginn einer Interaktion. Es wird dann auch nicht mehr unmittelbar belohnt, sondern indirekt als Anfang eines am Schluss belohnten Verhaltens

 


2. Stufe: Motorische Imitation

Zuerst wird das Imitieren von Handbewegungen geübt, was viele autistische Kinder ohnehin als Echopraxie machen. Wenn der Blickkontakt hergestellt ist, macht der Lehrer eine Bewegung (z. B. Hand heben). Führt das Kind diese Bewegung nicht spontan aus, wird seine Hand in der gewünschten Weise geführt. Jetzt wird nicht mehr mit Nahrung belohnt, nur noch durch Sprache oder Berührung. Zuerst werden auch ungefähr ähnliche Bewegungen belohnt, dann nur noch die präzise Imitation. Später soll die Hantierung mit Puzzles und Spielsachen imitiert werden.
Der Lehrer macht nun die erwünschte Bewegung oder Handlung nicht nur vor, sondern benennt sie und fordert das Kind sprachlich zur Imitation auf. Dies ist eine Vorbereitung auf spätere Stadien, in denen das Kind nur noch auf die Aufforderung reagieren soll. Die Mütter sollen ein Tagebuch über ihre Interaktionen mit dem Kind führen; besonders wie das Kind auf Anweisungen reagiert und wie Mütter dann wieder auf die Reaktion des Kindes antworten, soll festgehalten werden. Die Mutter-Kind-Beziehung wird von einem Mitarbeiter der Gruppe beobachtet, und diese Aufzeichnungen dienen als Fundament für die Planung des pädagogischen Vorgehens in der Zukunft. Die Mütter lernen unerwünschtes Verhalten des Kindes nicht durch besondere Zuwendung und Beobachtung zu verstärken, sondern es einfach zu ignorieren oder es zu unterbinden, wenn es nicht geduldet werden kann. Sie übernehmen – nachdem sie den Lehrer beim Umgang mit dem Kind beobachtet haben – selbst die Lehrerfunktion, was auch zuweilen bei anderen Kindern geschieht. Dabei werden sie aus einem anderen Raum beobachtet und erhalten über einen kleinen Empfänger Anweisungen und Hilfen. Es ist anzumerken, dass die so „ferngesteuerten“ Mütter nicht mehr spontan reagieren können, was in manchen Situationen nachteilig für das Kind sein kann.

3. Stufe: Lautproduktion bei stummen Kindern

Stumme Kinder müssen zuerst lernen, Laute zu produzieren. Deshalb soll die Lallperiode des Säuglings nachgeholt werden. Jede spontane Lautäußerung wird belohnt, gleich welcher Art sie ist. Später gibt es nur noch eine Belohnung, wenn der Laut anders ist als der vorherige. Auf diese Weise wird angestrebt, dass das Kind sich in einer großen Zahl von Lauten übt und nicht nur in einigen.

 

4. Stufe: Verbale Imitation

Stumme oder fast stumme Kinder sollen den Lehrer sprachlich imitieren. Für jeden Laut, den das Kind spätestens fünf Sekunden nach dem Lehrer äußert, erhält es eine Belohnung. Dies geschieht auch bei Kindern, die dazu fähig wären, aber sich negativistisch verhalten. Als nächster Schritt wird eine Annäherung an das Muster verlangt, was erfahrungsgemäß nicht leicht ist. Selbst Kinder, die sich bisher nicht negativistisch verhielten, tun es nun. In der Zeit von einer Woche bis zu einem Monat bekommen sie nur im Labor Essen. Sie werden dreimal täglich hingebracht und müssen es durch sprachliche Imitation „verdienen“. Oft hungern sie zunächst lieber bis zu drei Tagen, dann „geben alle nach, einige unter Tränen“. Nach diesem Machtkampf findet nur noch eine Sitzung täglich statt, wobeidie Vokale a, e, o, u, und die Konsonanten b und m sowie die Silben ba, le, la, lo
der Reihe nach geübt werden, dann die Namen der Nahrungsmittel, die das Kindals Belohnung erhält (z. B. „chip“). Aufforderungen werden nur einmal gegebenund nicht wiederholt, wenn das Kind nicht reagiert. In einer Versuchsreihe hattesich nämlich ergeben, dass durch Wiederholungen die negativistischen Verweigerungen zunahmen. Nach den Begriffen für Nahrungsmittel lernen die Kinder Verben (geh, iss, komm) zu imitieren, die sie auch in der Interaktion anwenden können. Mit Verben können sie in der Kommunikation viel mehr anfangen als beim Benennen von Bildern.

 

5. Stufe: Aufbau kommunikativer Sprache

Vom imitativen zum kommunikativen Sprechen ist es ein großer Schritt. DieSprache soll jetzt als Mittel verwendet werden, Wünsche und Bedürfnisse auszudrücken. Zuerst wird auf dem vorausgegangenen Imitationsvokabular aufgebaut. Der Lehrer fragt: „Was möchtest du – einen Keks oder ein Bonbon?“ Wenn dasKind nicht antwortet, nennt er die Anfangslaute der beiden Dinge, und das Kindbekommt erst dann etwas, wenn es einen Namen sagt. Dieselbe Übung führt auchdie Mutter bei den Mahlzeiten durch. Dabei lernt das Kind Verben inkonkreten Handlungssituationen. Der Lehrer versperrt z. B. die Tür, und läßt das Kind erst durch, wenn es „geh weg“ sagt. Die passenden Wörter sagt er zuerst vor. Auf diese Weise lernt das Kind bis zu zwei Dutzend Verben. Dann erst beginnt die Vergrößerung des Benennungsvokabulars  – zunächst mit realen Dingen, dann mitBildern (Fotos, Zeichnungen). Der nächste Schritt bei jüngeren Kindern ist das Erlernen der Syntax, wobei sich auch die Imitation bewährt hat. Es wurde dabei die Übung mit vielen Sätzen als wichtiger erachtet als die genaue Wiedergabe dereinzelnen Sätze. Bei älteren Kindern war diese Methode aber nicht erfolgreich. Es bedurfte zusätzlicher Hilfen. Das Kind lernt, kleine stilisierte Zeichnungen zu benennen, dann Farbkarten, dann wird eine Farbkarte zu einer Zeichnung gelegt,was z. B. den Ausdruck „roter Tisch“ ergibt. Der Lehrer spricht zuerst vor. Es kommt eine Karte für einen bestimmten Artikel dazu, dann eine für das Hilfsverb„sein“, so dass kleine Sätze entstehen: „Das Haus ist gelb.“ Wenn das Kind dieseSätze lesen kann, lernt es das Gelesene nachzusprechen, wobei immer zuerst Hilfen gegeben werden.

 

6. Stufe: Erste Gruppenerfahrungen

Hierbei soll erreicht werden, dass die Kinder mit anderen Kindern und einem Lehrer zusammen in einem Klassenzimmer lernen, was vielen schwerfällt. Wenn sie Protesthaltung zeigen, werden sie ignoriert oder im „Auszeit-Zimmer“ isoliert. Wenn sich alle an die neue Situation gewöhnt haben, lernen sie die Bedeutung von Münzen, die später als Belohnung verwendet werden. Zuerst werden Spielplättchen ausgegeben, die das Kind zurückgeben soll, wofür es gelobt wird und etwas zu essen erhält. Dann stellt der Lehrer einfache Aufgaben und gibt als Belohnung eine Münze, die gleich in etwas Essbares umgetauscht wird. Später werden die Münzen gesammelt und erst am Ende einer Aufgabenreihe eingetauscht.

7. Stufe: Zwischenklasse

Wenn die Kinder etwas funktionale Sprache haben, mit Münzen als Belohnung arbeiten und sich in der Anfangsgruppe produktiv verhalten, kommen sie in die Zwischenklasse mit etwa vier Schülern. Hier sollen die Verhaltensweisen erlernt werden, die für den Besuch des normalen Unterrichts nötig sind: Dem Lehrer zu antworten, wenn man aufgerufen wird, zuzuhören, wenn andere Kinder antworten, von anderen Kindern zu lernen und deren falsche Antworten zu ignorieren. Als
Belohnung für richtige Antworten gibt es Münzen, die aber nicht mehr gegen Schleckereien eingetauscht werden, sondern gegen beliebte Tätigkeiten (Schaukeln im Schaukelstuhl, Hören von Musik, Springen auf dem Trampolin u. a. m.) Für richtiges Verhalten – z. B. wenn der Lehrer einem Kind etwas sagt – bekommen sie von einem Assistenzlehrer eine Leckerei. Geübt werden die bisherigen sprachlichen und visuellen Aufgaben und motorische Tätigkeiten in der Gruppe
(wobei oft am Anfang körperliche Führung erforderlich ist).

 

8. Stufe: Sprachförderung in der Gruppe

Diese letzte Stufe dient der gezielten heilpädagogischen Arbeit in Bereichen mit starkem Entwicklungsrückstand, insbesondere im Bereich der Sprache. Der Entwicklungsstand jedes einzelnen Kindes muß systematisch erfaßt werden mit geeigneten Tests und Skalen. Die meisten Kinder können nicht kooperativ spielen oder sprechen kaum miteinander, auch kaum spontan mit Erwachsenen und verfügen über keine abstrakten Begriffe. Manche können nicht symbolisch
spielen, weshalb in kleinen Gruppen geübt wird. Diese Stufe gleicht einer heilpädagogischen Arbeit mit der Ausnahme, dass noch gezielt individuelle Belohnungen unterschiedlicher Art verwendet werden
.

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