Autismus-Was ist das eigentlich?

Autismus-Was ist das eigentlich?

 

Neben Autismus (ein Begriff, der sich mit Selbstbezogenheit, Abkapselung oder Rückzug in die eigene psychische Welt übersetzen ließe) finden auch noch andere Bezeichnungen Verwendung: frühkindlicher Autismus, autistische Störungen, autistisches Syndrom, Asperger Syndrom, High-functioning-autism und atypischer Autismus. Es handelt sich hierbei um verschiedene Spielarten aus dem autistischen Spektrum (ASD - Autistic Spectrum Disorders), weil wir heute wissen, dass Autismus in völlig unterschiedlichen Schweregraden und in Kombinationen mit anderen Behinderungen in Erscheinung treten kann. Es gibt autistische Menschen, die gleichzeitig geistig behindert sind (ca. 70%) oder eine weitere Krankheit oder Behinderung haben (z.B. Tuberöse Sklerose, Neurofibromatose, Phenylketonurie, Fragile X-Syndrom u. v. a., vgl. Baron-Cohen, Bolton 1993). Andere können mit ihrer diskreten Behinderung eine höhere Schule besuchen, eine qualifizierte Ausbildung absolvieren und ein hohes Maß an Selbstständigkeit erreichen.

 

Als typisches Behinderungsbild gilt das Kanner-Syndrom, als leichtere Form das Asperger-Syndrom. Syndrom bedeutet, dass mehrere, hier bis zu 60 einzelne Auffälligkeiten oder Symptome beobachtet werden können, die allerdings nicht alle gleichzeitig vorkommen müssen. Ein atypischer Autismus findet sich bei in der Regel schwerstbeeinträchtigten Menschen, bei denen nicht alle wichtigen Symptome vorkommen. High-functioning-autism (Autismus mit hohem Funktionsniveau) gilt als symptomatisch etwas unklare Bezeichnung für Personen mit Kanner-Syndrom, die über herausragende Fähigkeiten in Teilgebieten (z.B. Musik, Kalenderrechnen, Zeichnen, Merkfähigkeit) verfügen.

Als Erstbeschreiber des "Frühkindlichen Autismus" gilt der amerikanische Psychiater Kanner, der 1943 eine ganze Reihe typischer Gemeinsamkeiten für die Fachwelt zusammengetragen hat. Er ging damals davon aus, dass es sich nur um eine kleine Gruppe von betroffenen Kindern handle. Heute wissen wir, dass nicht nur 4 oder 5 (die so genannte Kerngruppe), sondern bei einem breiteren diagnostischen Schlüssel sogar 15 bis 40 von 10 000 Kindern - vorwiegend Jungen (4:1) - von dieser Behinderung betroffen sind. Für Deutschland bedeutet dies, dass es erheblich mehr autistische als blinde Kinder gibt. Mindestens 41.000 Menschen der Kerngruppe und bis zu 205.000 aus dem autistischen Spektrum (BAG HfB 2000) leben also unter uns.

Zeitgleich beschrieb der Wiener Hans Asperger 1943 eine Gruppe mit einer "autistischen Persönlichkeitsstörung", die viele Auffälligkeiten mit den Kannerschen Typus gemeinsam hat. Doch diese Kinder lernen früher sprechen; sie können sich oft gewählt ausdrücken, verfügen über mindestens durchschnittliche intellektuelle Fähigkeiten und entwickeln ausgeprägte Sonderinteressen (z.B. Seeräuber, Fahrpläne, Kirchenglocken), mit denen sie sich nachhaltig und oft zwanghaft beschäftigen.

Was autistische Menschen aber im Umgang mit anderen Menschen besonders beeinträchtigt, das ist die Schwierigkeit, den Sinngehalt aus der Sprache zu entnehmen, Absichten in den Handlungen der Mitmenschen zu erkennen und emotionale Äußerungen (Freude, Ärger, Trauer...) in der Mimik, Gestik und Sprachmelodie richtig zu verstehen. Gleichfalls fällt es ihnen schwer, eigene Empfindungen durch den Gebrauch von Mimik und Gestik verständlich mitzuteilen.

In einer Welt zu leben, die einem unverständlich erscheint, weil man die zugrundeliegenden Regeln, nach denen sie funktioniert, nicht begreift, fördert den Rückzug und die gleichförmige Beschäftigung mit ausgewählten Gegenständen und mit sich selbst.

Viele Menschen denken, dass dieses Rückzugsverhalten, die Verweigerung des Blickkontaktes, die Kontaktverweigerung und die fehlenden Anteilnahme als typische Anzeichen eines Autismus lebenslang anhalten und dass Autisten sich am wohlsten fühlen, wenn man sie in Ruhe lässt. Tatsächlich lernen autistische Menschen im fortgeschrittenen Lebensalter selbstverständlich, Kontakt zu anderen Menschen aufnehmen. Sie tun es in der Art und Weise, die ihnen möglich erscheint.

Folgt man den Selbstaussagen von Autisten, dann wird offenkundig, dass es zu den schmerzhaftesten Empfindungen der Betroffenen gehört, als desinteressiert an sozialen Kontakten zu gelten oder als gefühlskalt beschrieben zu werden. Selbstverständlich haben wir Gefühle - es gelingt uns nur nicht immer, sie verständlich zu äußern. Wir wollen auch nicht immer in Ruhe gelassen werden, sondern brauchen Unterstützung in der Kommunikation und Hilfe, um die Absichten und Handlungsweisen unserer Mitmenschen besser zu verstehen.

 

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