Meine innere Erlebniswelt

 Meine innere Erlebniswelt

Meine innere Erlebniswelt ist voller Farben. Diese Tatsache war mir schon früh bewusst und bot wenig Anlass diese Farbengemütlichkeit zu verlassen und sich mit dem lauten farblosen Getöse um mich herum zu widmen. Manche Dinge von außen konnten mich aber durchaus dazu bewegen, sich mit ihnen zu beschäftigen, neue Schuhe zum Beispiel. Schon mein erstes Paar Schuhe habe ich heiß und innig geliebt und jeder Fleck auf ihnen hat mein Empfinden für ihre Schönheit gestört. Es waren wundervolle schwarze Lackschuhe mit einem kleinen roten Herz an der Seite. Mein Entzücken war fast unfassbar, als ich viele Jahre später in einem Schuhgeschäft fast genau die gleiche Art Schuh entdeckte und sie für meinen damals eineinhalb Jahre alten jüngsten Sohn erwerben konnte. Ebenso waren und sind auch Bücher durchaus dazu geeignet mein Interesse für äußere Schönheit zu wecken und mich für eine Weile aus meiner inneren Welt herauszulocken. Es kam vor, dass Bücher in ihrer Art wie sie geschrieben waren, mir nicht gefielen. Bei Schulbüchern war das häufig der Fall, besonders bei Geschichts- und Biologiebüchern, hier fehlte es oft an relevanten Fakten und einer schönen Bebilderung. Ganze Nachmittage habe ich damit zugebracht sie zu ergänzen oder neu zu schreiben und passende Bilder zu zeichnen. Ich habe lange nicht verstanden, dass es meinen Lehrern selten gelungen ist, meine Bemühungen diesbezüglich anzuerkennen und zu schätzen. Es schien allgemein sehr wenig Interesse daran zu bestehen ob ich mich bemühte, in einer mir möglichen Form, äußerlich anwesend zu sein. Irgendwann fing ich an meine Fähigkeiten nur noch dafür zu nutzen, meine Gedanken zu leeren. Ich hütete diese Produkte sorgsam vor unerwünschten Blicken, denn mir war längst klar, dass meine Art zu denken und zu fühlen, weder die Art meiner Mitmenschen war und ist, noch von diesen sonderlich erwünscht sein konnte. Ich liebe es noch heute sehr, in meiner inneren Farbenwelt zu sein und die Vielfältigkeit meiner Gedanken zu fühlen, sie zu zeichnen oder zu schreiben und mich in ihre wärmende Farbanwesenheit hineinzukuscheln. Ich kann dann eine Geborgenheit fühlen, die ich in der Nähe von anderen Menschen (mit einer einzigen Ausnahme) nicht verspüren kann. Ein Außenstehender vermag vermutlich nicht ermessen können, wie sehr ich leide wenn ich immer wieder daran gehindert werde, mich in diese Geborgenheit und Wärme zurück zu ziehen, dorthin wo ich mich wirklich sicher und glücklich fühle (auch wenn es nur meine eigene Nähe ist). Ebenso sind unvermutete Störungen äußerst erschreckend und führen zu Unfreundlichkeiten meinerseits. Vielleicht ist es damit vergleichbar, aus einem gemütlichen pfirsichduftenden Schaumbad oder einer innigen zweisamkeitlichen Umarmung herausgerissen zu werden. Ich habe es schon als Kleinkind gehasst wenn meine Mutter einen ihrer –wir müssen noch was einkaufen- Anfälle bekam, mich aus meiner farbenfreundlichen Gemütlichkeit rupfte, in die Karre stopfte und sich freiwillig in das laute Getöse begab. In solchen Fällen machte sie sich selten die Mühe mir meine neuen Schuhe anzuziehen und mich damit zumindest etwas für dieses unliebsame Ärgernis zu entschädigen.
Wenn ich einen anstrengenden Tag hatte (auch wenn es ein schöner freudiger Tag war), sehne ich mich sehr nach meiner inneren Farbengemütlichkeit und danach meinen Gedanken auf meine Art Ausdruck zu verleihen. Diese Zeit brauche ich auch morgens um mich von der Anstrengung der Nacht zu erholen und wieder zu mir zu finden, mich Ganz zu fühlen. Nächte sind merkwürdig, ich brauche ihren Schlaf damit mein Körper nicht schlaff herumhängt, aber meinen Geist verwirren und erschrecken sie unnötig durch das sorglose unkontrollierbare Herumirren meiner Gedanken. Ich liebe und genieße kurze Schlafsequenzen in denen meine Gedanken noch kontrollierbar sind, aber der Versuch meinen Körper damit zufrieden zu stellen erwies sich als wenig erfolgreich. Mein Geist und mein Körper müssen getrennt zur Ruhe kommen. Einschlafen ist sehr einfach für mich, ich habe nie die Menschen verstanden, die sich stundenlang ruhelos im Bett wälzen und keinen Schlaf finden können, ich lege mich hin und schlafe sofort. Morgens ist es ein komisches Gefühl, mein Körper ist noch ganz ruhig und schläft während mein Geist bereits hellwach ist und sehnsüchtig darauf wartet, dass das Klingeln des Weckers den Körper aus seiner Trägheit erlöst. Als ich klein war fürchtete ich mich sehr vor diesem Zustand, weil ich Angst hatte, dass mein Körper eines Tages einfach in diesem Zustand liegen bleibt und ich, gefangen in ihm, nie mehr dazu fähig wäre aufzustehen, zu zeichnen und zu schreiben, meine Gedanken für immer in meinem Kopf bleiben müssten und sich dort ansammeln, bis er eines Tages platzt. Da ich eine sehr bildliche Denkweise habe, war diese Vorstellung für mich als Kind so sehr erschreckend, dass ich anfing ernsthafte Schlafstörungen zu entwickeln. Diese Angst legte sich erst als ich meinen ersten Wecker bekam (der sich erfreulicherweise in meiner Vorschultüte befand) und ich feststellte, dass dieser durchaus geeignet war meinen Körper schlagartig in einen hellwachen Zustand zu versetzen. Morgens liegen meine Schreib- und Zeichensachen bereits griffbereit, aber ich zögere den Augenblick, mich ungestört in meine inner Farbgemütlichkeit zurück ziehen zu können, noch einen Augenblick heraus um das vorfreudige Gefühl zu genießen. Morgens gönne ich mir nur eine halbe Stunde, aber sie ist durchaus ausreichend um meinen Tag in freundlicher Gelassenheit zu beginnen.  

Tage an denen ich arbeite mag ich sehr, sie sind in ein türkisfarbenes Spektrum gehüllt, ein Farbenbereich in dem ich mich sehr wohl fühle. Ich kann hier das machen was ich am liebsten mache, zeichnen und töpfern und dadurch meinem Inneren sehr nahe sein. Außerdem fühle ich mich hier angenommen, gewünscht und genügend, die Menschen dort sind freundlich und blau. Die Nähe zu meinem Lieblingsfreund ist eine bläulichwarme kuschelige Farbe, die so ist, dass ich sie nicht zeichnen kann und die diesen Ausdruck wohl auch nicht wünscht. Familienabende sind meistens von einem lauten orange geprägt, das die Sinnlosigkeit der Gesprächsfetzen und die flackernde Lichthaftigkeit des Fernsehers symbolisiert. Das laute Orange kann ich nur in der Zurückgezogenheit meines Schreibtischsessels ertragen, gönne ihm dennoch eine halbe Stunde, in der Hoffnung die Einsamkeit die ich dann fühle ein wenig zu lindern und nicht ganz in der Abwesenheit zu versinken. Abwesenheit ist merkwürdig, ich bin dann weder innerlich noch äußerlich anwesend, sondern irgendwo dazwischen in einem farb- und formlosen Raum, der durch seine Unbegrenztheit beängstigend wirkt.

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